Ungehört, unterversorgt, unterschätzt: Frauen und der Gender Pain Gap
Was ist der Gender Pain Gap?
Der Begriff Gender Pain Gap beschreibt eine strukturelle Ungleichheit: Schmerzen von Frauen werden in Diagnostik, Bewertung und Behandlung anders und häufig schlechter eingeordnet als die Schmerzen von Männern. Durch Vorurteile, gesellschaftliche wie medizinische, werden die Schmerzen von Frauen weniger ernst genommen.
Im medizinischen Alltag zeigt sich das an mehreren Stellen. Erkrankungen wie Endometriose, Autoimmunerkrankungen oder chronische Schmerzsyndrome werden bei Frauen oft spät erkannt, weil ihre Beschwerden durch psychische Ursachen oder Stress begründet werden, statt nach anderen Ursachen zu suchen. Männliche Schmerzäußerungen hingegen gelten häufiger als Zeichen einer „echten“ körperlichen Erkrankung.
Diese Ungleichbehandlung setzt sich bei der Therapie fort: Frauen bekommen bei vergleichbaren Schmerzen eher Beruhigungsmittel oder Antidepressiva verschrieben, während Männer eher starke Schmerzmittel erhalten. Auch in Notaufnahmen müssen Frauen Studien zufolge länger auf eine angemessene Schmerztherapie warten als Männer.Hinzu kommt: Bestimmte Schmerzformen betreffen Frauen häufiger. Chronische Schmerzen treten bei Frauen etwa doppelt so oft auf wie bei Männern: besonders bei Migräne, Spannungskopfschmerzen sowie Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis oder Multipler Sklerose. Auch Fibromyalgie und Schmerzsyndrome mit somatischen und psychischen Anteilen betreffen überwiegend Frauen, was unter anderem mit einem sensibleren zentralen Schmerzverarbeitungssystem zusammenhängt, das zur Chronifizierung neigt.Rund 23 Millionen Menschen in Deutschland leben laut Deutscher Schmerzgesellschaft mit chronischen Schmerzen – bis zu 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Die Ursachen sind vielfältig und wissenschaftlich noch nicht ausreichend erforscht.
Warum ist dieses Thema politisch?
Der Deutsche Ärztinnenbund (DÄB) setzt sich seit Langem für eine geschlechtersensible Medizin ein – bereits 2005 stand sein Wissenschaftlicher Kongress unter diesem Thema. Auch aktuell fordert der DÄB gendergerechte Forschung und Therapie in der Schmerzmedizin, denn Männer und Frauen erleben Schmerz nicht nur unterschiedlich, auch Schmerzmedikamente wirken geschlechtsabhängig unterschiedlich. In klinischen Studien zu Schmerzmitteln ist dieses Geschlechterverhältnis aber oft kaum abgebildet.
Warum das jetzt gefährlich wird: die Krankenhausreform
Während die Zahl der Betroffenen wächst, entwickelt sich die Gesundheitspolitik in die entgegengesetzte Richtung: Im geplanten Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) ist die Schmerzmedizin nicht als eigene Leistungsgruppe vorgesehen. Dabei lässt sie sich fachlich keiner anderen Leistungsgruppe sinnvoll zuordnen, da sie ein extrem breites Krankheitsspektrum abdeckt: chronische Rückenleiden, rheumatische Erkrankungen, Tumorschmerz, Fibromyalgie, Migräne, Polyneuropathien, Phantomschmerzen, Endometriose bis hin zu seltenen Erkrankungen.
Schon heute warten Betroffene zwei bis fünf Jahre, bis ihre Schmerzerkrankung erkannt und richtig behandelt wird, eine strukturelle Unterversorgung besteht längst. Die Deutsche Schmerzgesellschaft befürchtet durch die Reform einen Rückgang der Behandlungskapazitäten um bis zu 40 Prozent. Fällt klinische Expertise weg, drohen zusätzlich ein Kompetenzverlust in Lehre und Forschung sowie eine weitere Ausdünnung der Versorgung.
Da Frauen weitaus häufiger von chronischen Schmerzen betroffen sind und gleichzeitig oft über weniger Ressourcen verfügen, um lange Wartezeiten oder teure private Alternativen zu überbrücken, würde eine solche strukturelle Schwächung bestehende Ungleichheiten weiter verschärfen – mit Folgen für Frauengesundheit, gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung.
Was das für uns als Jusos bedeutet
Der Gender Pain Gap ist kein Nischenthema, sondern eine Frage gesundheitlicher Gerechtigkeit. Wenn Schmerzmedizin in der Krankenhausreform nicht als eigenständiger Versorgungsbereich anerkannt wird, trifft das überproportional Frauen – und verschärft eine Ungleichheit, die längst gut belegt ist. Schmerz verschwindet nicht, wenn man ihn ignoriert. Er verlagert sich in stille Leidensgeschichten, in soziale Not, in gesellschaftliche Ungleichheit und in volkswirtschaftliche Folgekosten. Als Jusos setzen wir uns dafür ein, dass das nicht die Antwort unserer Gesundheitspolitik auf ein wachsendes Problem ist.