Karneval im Schatten der Kolonialgeschichte
Welche Karnevalsstädte fallen dir ein? Wahrscheinlich Köln, Düsseldorf oder Mainz. Aber Windhoek oder Swakopmund? Eher nicht. Dabei wird auch im afrikanischen Namibia, rund 8.000 Kilometer entfernt von Köln, deutscher Karneval gefeiert.
Was zunächst wie eine skurrile Randnotiz klingt, hat einen ernsten Hintergrund: die deutsche Kolonialgeschichte. Eine Geschichte, die hierzulande lange verdrängt oder kleingeredet wurde.
Zwischen 1884 und 1918 war Namibia eine deutsche Kolonie („Deutsch-Südwestafrika”). Das Deutsche Reich hat sich das Gebiet gewaltsam angeeignet, Menschen vertrieben und ihnen durch Landraub sowie die Kontrolle über Wasserstellen die Lebensgrundlage genommen. Besonders betroffen waren die Ovaherero und Nama.
Als sie sich gegen diese Gewalt wehrten, reagierte Deutschland mit extremer Brutalität: Zwischen 1904 und 1908 verübten deutsche „Schutztruppen” unter Lothar von Trotha einen Völkermord. Zehntausende Menschen wurden in die Wüste getrieben und dem Tod überlassen oder in Lager verschleppt. Etwa 80 Prozent der Ovaherero und 50 Prozent der Nama wurden ermordet. Ein Genozid!
Und trotzdem ist deutsche Kultur bis heute präsent. Rund 20.000 deutschsprachige Namibier*innen leben im Land. In Städten wie Swakopmund begegnet man architektonischen Zeugnissen deutscher Kolonialgeschichte, Straßen mit deutschen Namen und Cafés, die mit Schwarzwälder Kirschtorte locken.
Auch Karneval gehört dazu. Seit 1952 wird er nicht nur wie in Deutschland im Winter, sondern übers ganze Jahr verteilt gefeiert. Gerade jetzt im April findet der Windhoeker Karneval (WIKA) in der Hauptstadt Windhoek statt: Umzüge, Kostüme, Partys, Musik – deutsche Tradition mitten in Namibia.
Aber wenn genauer hingeschaut wird, fällt etwas auf: Gefeiert wird vor allem von einer weißen Minderheit. Viele Schwarze sind kaum als Feiernde dabei, sondern arbeiten im Hintergrund, im Service oder in der Organisation. Das ist kein Zufall, sondern zeigt, wie stark die kolonialen Strukturen bis heute nachwirken. Denn die Ungleichheit ist bis heute geblieben. Ein Großteil des Landes gehört noch immer einer kleinen, überwiegend weißen Minderheit. Viele Nachfahren der Ovaherero und Nama leben hingegen in Armut. Namibia zählt zu den Ländern mit der weltweit größten sozialen Ungleichheit.
Diese Unterschiede sind nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich spürbar. Viele kämpfen bis heute um Anerkennung, Gerechtigkeit und eine echte Aufarbeitung. Gleichzeitig profitieren andere weiterhin von den alten Machtverhältnissen.
Karneval ist hier also nicht einfach nur eine Party. Er zeigt auch, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht – und oft lieber Tradition feiert, statt Verantwortung zu übernehmen. Wenn wir es mit der Aufarbeitung ernst meinen, reicht es nicht, sich einmal zu entschuldigen und dann weiterzumachen!