Der Gender Data Gap: Wenn Neutralität männlich ist
Daten gelten als objektiv und neutral. Doch genau das sind sie nicht. Sie bilden oft nur die männlichen Lebensrealitäten ab und betrachten Frauen, wenn überhaupt, nur als Abweichung der “Norm”. Der “Gender Data Gap” oder “Gender Data Bias” bedeutet nicht, dass es keine Daten über Frauen gibt, sondern dass Daten nicht geschlechtergetrennt erhoben werden, Frauen seltener erforscht und ihre Erfahrungen oft als nicht relevant erachtet werden. Durch die fehlenden Daten über Frauen entsteht eine unbeabsichtigte Verzerrung wissenschaftlicher Studien, die ein strukturelles Problem darstellt, das weiße cis-Männer als Default nutzt.
Wenn fehlende Studien Leben kosten
Besonders gefährlich wird das im medizinischen Bereich. Klinische Studien werden seit Jahrzehnten überwiegend mit Männern durchgeführt. Frauen gelten als “zu kompliziert” aufgrund ihrer individuellen Zyklen, Hormonen und möglichen Schwangerschaften. Dies führt dazu, dass noch heute Therapien und Dosierungen von Medikamenten ausschließlich auf den männlichen Körper angepasst sind, obwohl man schon lange weiß, wie unterschiedlich der weibliche Körper Medikamente aufnimmt und verarbeitet. Ein bekanntes Beispiel ist auch die Diagnose und Behandlung von Herzinfarkten bei Frauen. Die bekannten “typischen” Symptome, wie Brustschmerzen, zeigen sich hauptsächlich nur bei Männern, wohingegen Frauen oft von Übelkeit, Rückenschmerzen oder starker Erschöpfung berichten. So werden Herzinfarkte später erkannt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen bei Frauen mit etwa 35 % zur häufigsten Todesursache.
Darüber hinaus werden auch viele Produkte von Männern für Männer designt. Dazu zählen zum Beispiel Sicherheitsgurte und Airbags in Autos. Für die weibliche Anatomie sind diese meist schlichtweg folgenschwer. Wenn eine Frau in einen Autounfall verwickelt ist, wird sie im Vergleich zu männlichen Personen mit 48 % höherer Wahrscheinlichkeit schwer verletzt und mit sogar 71 % höherer Wahrscheinlichkeit mittelschwer verletzt.
Unsichtbar, aber unverzichtbar
Frauen übernehmen in unserer Gesellschaft den größten Teil der unbezahlten Sorgearbeit. Und auch hier taucht dieser Einsatz kaum in Wirtschaftsstatistiken oder Ähnlichem auf und wird so politisch kaum eingerechnet. Der Gender Data Gap sorgt aktiv dafür, dass diese wichtige Arbeit unsichtbar bleibt, obwohl sie so essentiell ist für eine funktionierende Gesellschaft.
Daten entscheiden darüber, wer gesehen und geschützt wird. Forschungsgelder fließen dorthin, wo eine gesellschaftliche Relevanz vermutet wird. Doch genau diese vermutete Relevanz spiegelt nicht die Realität wider, in der wir leben. Der Gender Data Gap in der Wissenschaft bedeutet konkret, dass es weniger Forschung zu frauenspezifischen Krankheiten, wie Endometriose oder PCOS, gibt und Frauen allgemein weniger Einfluss auf Forschungsfragen haben.
Wenn Frauen nicht systematisch mitgedacht werden, werden sie schlechter versorgt, schlechter geschützt und schlechter repräsentiert. Denn Daten sind niemals neutral. Es braucht konsequente Datenerhebungen aller Geschlechter und mehr feministische Perspektiven in der Forschung, Technik und Politik. Gleichstellung beginnt mit Daten, die alle sichtbar machen.