Wie wir gendern – Unser gemeinsamer Kampf für eine menschliche Gesellschaft

Beschlussnummer  2016.INI6
Antragsteller*innen  Jusos UB Göttingen, Jusos Region Hannover
Weiterleitung an  Landeskonferenz, Bundeskongress

Die Jusos als feministischer Richtungsverband lehnen jede Form der strukturellen und gesellschaftlichen Diskriminierung, sexistisches, diskriminierendes Verhalten, gegen Frauen und LGBTIQ* sowie häusliche, sexuelle und sexualisierte Gewalt ab und werden dieser aktiv entgegentreten.

Bewährte Instrumente dafür in unserem Verband sind beispielsweise die Frauenquote, Frauenforen, Geschlechterplena, Awarenessteams, Feminismusseminare sowie weitere Formen gezielter Frauenförderung. Wir wollen eine gezielte gesellschaftliche und politische Förderung von Frauen in allen Bereichen unserer Gesellschaft und begreifen uns in diesem Bestreben als Vorkämpfer*innen.

Wir stellen aber auch fest, dass es eine Benachteiligung in unserer männlich dominierten Gesellschaft gegenüber nicht „typisch männlichen“  Individuen gibt. Dies trifft zum einen Cis-Frauen z . Zum anderen sind aber auch alle weiteren Geschlechter, sowie Menschen die nicht heterosexuell sind –  oft insgesamt als LGBTIQ* bezeichnet - von gesellschaftlicher Diskriminierung betroffen. Unser Anspruch ist es, sowohl persönliche Diskriminierungen von Individuen als auch strukturelle Diskriminierungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen aufzudecken und zu bekämpfen.

Hierbei wollen wir auch festhalten, dass Gender von Menschen gemacht und konstruiert ist - soziales Geschlecht ist nicht Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis sozialer Prozesse. Dies bedeutet, dass die von der Gesellschaft reproduzierte Zweigeschlechtlichkeit wieder dekonstruiert werden kann, so dass die Vielfalt und Freiheit des Individuums gewährleistet wird. Demnach gibt es für eine Einteilung in genau zwei Geschlechter keinen haltbaren Grund. 

Auch in unserem Verband wollen wir diesem Anspruch gerecht werden. Gerade für LGBTIQ* beginnen erste Probleme mit einer oft grundlosen geforderten Einsortierung als Mann oder Frau. Dem wollen wir entgegenwirken, indem das Geschlecht nur bei tatsächlicher Notwendigkeit dieser Information abgefragt wird. Falls es organisatorisch nötig sein sollte, wollen wir eine dritte Kategorie einführen, welche dann von Geschlechtern jenseits von männlich und weiblich ausgewählt werden kann. Auch über unsere Veranstaltungen hinaus setzen wir uns innerhalb unseres Verbandes für eine weitere Sensibilisierung und ein umfassendes Mitdenken des Themas Geschlecht bei unseren Beschlüssen und Aktionen ein. Nur so können wir auch innerhalb unseres Verbandes und gesellschaftlich ein geschlechtergerechteres Miteinander für alle erreichen.

Die besondere Rolle der Frau bei der Überwindung patriarchaler Strukturen

Wir Jusos sind ein feministischer Richtungsverband. In dem vollen Bewusstsein, dass die Dekonstruktion der Geschlechter ein langwieriger Prozess ist, sehen wir die Überwindung des Patriarchats als ersten Schritt in Richtung dieses Zieles. Das bedeutet, dass wir uns verstärkt für die gesellschaftliche Gleichstellung zwischen Frauen und Männern einsetzen. Es bedeutet aber auch, dass alle Menschen nach unserer Vorstellung frei und selbstbestimmt leben sollen und wir die Reproduktion der Rollenbilder und Stereotypen aktiv bekämpfen möchten. 

Mit Erschrecken beobachten wir in den letzten Jahren einen gesellschaftlichen Rollback. Oftmals wird Frauen- und Gleichstellungspolitik auf Familienpolitik reduziert und somit werden automatisch wichtige Kernthemen in diesem Bereich negiert, die eigentlich unabdingbar wären. Insbesondere geht es dabei nicht mehr um die Überwindung des Patriarchats sowie die Diskriminierung von Frauen in allen Lebensbereichen. Aus diesem Grund fällt den Jusos eine Schlüsselrolle zu und wir müssen uns mehr denn je darum bemühen, diese Themen zurück auf die politische Agenda zu führen. 

Um jedoch das Potenzial dafür zu entfalten, müssen wir Gleichstellung als zentrales Querschnittsthema in sämtlichen Politikfeldern behandeln. Die Erfahrungen der letzten Jahre hat gezeigt, dass es immer mehr Jusos gibt, die den Feminismus als ein lästiges Ritual verstehen und abgeneigt sind, sich ein weiteres Mal mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Deshalb ist es notwendig, dass wir das Thema Feminismus in alle Bereiche unserer Juso-Arbeit integrieren, aufgrund seiner Eigenschaft als Querschnittsthema und Bedeutung für den Verband. 

Um eins vorweg zu schicken: Wir Jusos stellen uns klar gegen jede Form von Diskriminierung - unabhängig davon, ob mensch aufgrund von Religion, Hautfarbe, Herkunft, Nationalität oder der sexuellen Orientierung diskriminiert wird. Neben den bekannten Herrschafts- und Machtverhältnissen, die aus dem kapitalistischen System hervorgehen, gilt es für uns als feministischen Verband aber stets auch, auf andere Strukturen hinzuweisen, die neben üblichen Machtstrukturen bestehen: den patriarchalen Strukturen, die Frauen diskriminieren, da ihr zugeordnetes Geschlecht vom als Norm betrachteten, konstruierten männlichen Geschlecht abweicht. Dieses Politikfeld darf nicht als untergeordnetes Problem verharmlost werden.

Die SPD war und ist immer noch Teil der emanzipatorischen Frauenbewegung. In der Vergangenheit hat die Partei wichtige Impulse gesetzt und für mehr Gleichstellung in der Gesellschaft gesorgt. Deswegen ist es uns ein gewichtiges Anliegen, Frauen in unserem Verband zu fördern und zu ermuntern, gemeinsam mit uns für ein besseres Leben zu streiten. Dabei müssen wir gezielt vorgehen und zur Vernetzung von Frauen beitragen. Insbesondere jedoch müssen wir versuchen mehr junge Frauen für die SPD zu begeistern.

Gleichstellungs- und Queerpolitik nicht als Widerspruch begreifen

Insbesondere die Piratenpartei hat sich in der Vergangenheit damit hervorgetan, dass sie "postgender" sei, was für sie bedeutet, dass Geschlecht innerhalb ihrer Strukturen keine Rolle mehr spiele. Die Idee, dass man die Dekonstruktion der Geschlechter mit einem Beschluss durchführen kann, lehnen wir kategorisch ab. 

Geschlechterdiskriminierung ist ein verbreitetes Phänomen, allerdings erfolgt diese Diskriminierung in der Regel nicht aufgrund der Zuschreibung eines Geschlechts ("weiblich"), sondern aufgrund der wahrgenommenen Abweichung von einem Geschlecht ("nicht männlich"). Die Opfer dieser Diskriminierung definieren sich in weiten Teilen - allerdings nicht ausschließlich - als weiblich. Das Geschlecht, wenn auch eine konstruierte Kategorie, wird in der Gesellschaft im Rahmen einer Zweigeschlechtlichkeit gedacht. Diese bringt jedoch eine Diskriminierung all jener Menschen mit sich, die sich nicht innerhalb des zweigeschlechtlichen Systems weiblich - männlich einordnen können und wollen.

Ziel einer jungsozialistischen Genderpolitik muss es daher sein, zweigleisig vorzugehen und Queer- und Gleichstellungspolitik zu verbinden, statt sie gegeneinander auszuspielen. Einerseits muss hierbei der Kampf gegen die konstruierte Zweigeschlechtlichkeit geführt werden, nicht um andere Menschen von ihrem Geschlecht "weg zu missionieren", sondern um die Akzeptanz für andere Geschlechter herbeizuführen und somit der breiten Masse der Gesellschaft andere Optionen innerhalb der Mehrgeschlechtlichkeit aufzuzeigen. Andererseits macht der gesellschaftliche Status Quo ein entschiedenes Eintreten gegen das Patriarchat dringend notwendig. An altbewehrten Methoden der Gleichstellungspolitik wie der Quote ist demnach festzuhalten, da sie geeignet erscheinen, mittelfristig dem Machtgefälle innerhalb des Patriarchats entgegenzuwirken und die Rolle der Frauen zu stärken. Dennoch liegt es auch an uns Jusos erste Schritte zu gehen, eine progressive Queerpolitik eben auch in unseren Verband hinein zu tragen. Hierzu gehören unter anderem das Gendern mit Sternchen (Jungsozialist*in) sowie die Möglichkeit, sich bei Anmeldungen zu Juso-Veranstaltungen anmelden zu können ohne dabei ein Geschlecht angeben zu müssen.

Sprache als Instrument

Sprache ist kein neutrales Kommunikationsmittel, sondern fungiert als Spiegel gesellschaftlicher Realität, stellt aber auch den Ort dar, an dem sich sozialer Protest und konservativer Widerstand artikuliert. Die Diskriminierung findet nicht nur in dem statt, was getan wird, sondern auch wie gesprochen und geschrieben wird. Wir Jusos setzen uns daher für eine geschlechtergerechte Sprache ein, in der andere als männlich sozialisierte Menschen nicht nur mitgemeint und mitgedacht, sondern sichtbar und hörbar gemacht werden. Dies soll für Sprache auf allen gesellschaftlichen Ebenen gelten - sowohl in formeller als auch in informeller Sprache.

Für die Beziehung zwischen Sprache und Geschlecht heißt dies, dass sich in einer Sprache gender-bezogene Asymmetrien manifestieren, die ihrerseits auf die Wahrnehmung und Konstruktion von Realität einwirken. Genau aus diesem Grund verdeutlicht sich die immense Bedeutung unserer Sprache. Wenn wir Frauen und Männer in unserer Sprache gleichstellen, dann wird dadurch ein gedanklicher Prozess angestoßen, der sich auf unser gesellschaftliches Handeln auswirkt. Somit wird die wichtige Voraussetzung geschaffen, dass wir Gleichstellung in unserem Verband praktisch mit Leben füllen können. Denn die Macht und die Konstruktion patriarchaler Strukturen werden durch nicht-gegenderte Sprache verklärt.

Doch sehen wir uns heute noch vor enorme Herausforderungen gestellt, denen gerade wir als Jusos begegnen müssen. Wir werden auch in Zukunft klar gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeglicher Art kämpfen und uns entschieden gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung positionieren. Deshalb wollen wir als Jusos zu einer angemessenen Form des Genderns übergehen. Um Menschen einzuschließen, die sich dem binären Geschlechtssystem nicht zuordnen können oder wollen, werden wir in unseren öffentlichkeitswirksamen als auch verbandsinternen Schriften mit Sternchen (Jungsozialist*in) gendern. Sprache ist ständigem Wandel unterzogen, lasst uns deshalb gemeinsam für die Sichtbarmachung von allen Geschlechtern kämpfen!

Unser Ziel: Diskurs zur Dekonstruktion

Wir Jusos sind der Überzeugung, dass jeder Mensch das fundamentale Recht hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Daher sprechen wir uns dafür aus, dass Menschen nicht durch äußere Sozialisationsprozesse in gesellschaftliche Rollenbilder gedrängt werden. Wir fordern, dass sich alle Menschen frei entfalten können und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Geschlechterrolle und ihrer sexuellen Orientierung. Ziel unserer Politik muss deshalb die Überwindung der in der Gesellschaft vorgegebenen Geschlechterbilder und letztendlich die Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht sein. 

Im Kampf für die Überwindung der heteronormativen und patriarchalen Gesellschaft, mit Ziel des Beginns einer menschlichen, ist uns Jusos bewusst, dass wir noch einen schweren Weg zu gehen haben. Dabei müssen wir auch selbstkritisch mit uns und unserem Verband umgehen. Für einige spielt die Kategorie Geschlecht immer noch eine große kognitive und lebenspraktische Rolle. Schließlich tragen auch wir durch unser Handeln dazu bei, dass die Unterscheidung von Menschen anhand zweier Geschlechter nach wie vor wirkungsmächtig bleibt. Deswegen müssen wir uns darum bemühen, unser eigenes Denken und Handeln zu reflektieren und zu durchbrechen.

Um das zu erreichen müssen wir in unserem Verband in einen breit aufgestellten Diskurs treten und diesen dann in die Gesellschaft tragen. Unser Ziel muss es sein, die Gesellschaft für diese zentrale Ungerechtigkeit zu sensibilisieren, denn nur dann kann das System hinterfragt und überwunden werden. 

Unsere Forderungen

Unser Anspruch an eine jungsozialistische Queerpolitik in unserem Verband beinhaltet daher:
    

  • bei politischen Veranstaltungen (bspw. Seminaren) eine Debatte darüber zu führen, wie wir innerhalb der SPD und der Gesellschaft für Queerpolitik sensibilisieren können
  • den Umgang mit dem Thema Gender und mit Menschen, die sich nicht in das binäre System einordnen können oder wollen, in unserem eigenen Verband und unseren Strukturen kritisch zu reflektieren
  • im Rahmen unserer eigenen Veranstaltungen Möglichkeiten einzuräumen, dass Teilnehmende sich anmelden können, ohne sich zwingend als „weiblich / männlich“ definieren zu müssen. Wir wollen umfassende Schutzräume für alle Geschlechter herstellen 
  • gendern wollen wir daher künftig mit dem Sternchen (*) zu gendern, da wir es als absolut wichtig empfinden, deutlich zu machen, dass wir, wenn wir über Menschen sprechen, wirklich alle Menschen meinen. Das Sternchen macht für uns deutlich, dass es mehr als nur das männliche und weibliche Geschlecht gibt. Wir schaffen einen Raum für alle Menschen, die sich anders definieren oder sich auch gar nicht definieren wollen. Beim Sprechen des Sternchens wird – wie auch bei der Gender Gap oder dem großen Binnen-I - eine Lücke gelassen, somit existiert keine große Hürde dies auch mündlich entsprechend umzusetzen.
  • zusätzlich wollen wir uns mit weiteren Formen des Genderns kontinuierlich auseinandersetzen (bspw. Professx statt Professor) 

    
Für uns gibt es bei der Überwindung des Patriarchats keinen Widerspruch zwischen gezielter Frauenförderung und der Anerkennung von mehr als zwei Geschlechtern. Vom Patriarchat werden alle Gruppen, die sich nicht den Cis-Männern zuordnen, unterdrückt und diskriminiert. Wir wollen das Patriarchat überwinden, um dieses strukturelle geschlechtsspezifische Machtgefälle innerhalb unserer Gesellschaft aufzubrechen. Hierbei kämpfen wir mit und für alle Geschlechter. Eine besondere Rolle nehmen hierbei allerdings die Cis-Frauen ein. Auch wenn wir die Überwindung der Geschlechter anstreben, leben wir immer noch in einem patriarchalen System. In diesem System steht der Mann über der Frau. Die Frauenförderung nimmt daher eine Schlüsselposition im Kampf gegen das Patriarchat ein.  Wer eine menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden. Diesem Grundsatz folgen wir auf unserem Weg zum demokratischen Sozialismus!