„Du hast sie doch nicht mehr alle!“ - Gesellschaftlicher Stigmatisierung entgegenwirken und Versorgung psychisch erkrankter Menschen verbessern!

Beschlussnummer  2015.G1
Antragsteller*innen  Jusos Region Hannover
Weiterleitung an  Bundeskongress

Psychische Erkrankungen werden in unserer Gesellschaft oft nicht ernst genommen und auch im medizinischen Bereich (von fachfremden ÄrztInnenen) oft als nichtig abgetan. Erkrankte Menschen haben in vielen Fällen mit Vorurteilen und Stigmatisierungen zu kämpfen. Oftmals konsultieren die Betroffenen erst spät oder gar nicht einen Arzt, zum einen aus eigener Unwissenheit  und zum anderen aus Angst vor den Reaktionen Anderer.  Viele psychische Erkrankungen werden als Schwäche abgetan und nicht als Krankheit ernstgenommen. Menschen mit somatoformen Beschwerden etwa werden selbst in medizinischen Zusammenhängen oft nicht ausreichend ernst genommen und fehldiagnostiziert. Es kann nicht sein, dass Menschen mit psychischen Leiden als SpinnerInnen abgetan werden. Auch beruflich müssen Betroffene oft Konsequenzen befürchten. Es ist dringend notwendig, für mehr gesellschaftliche Akzeptanz zu sorgen, damit Betroffenen der Gang zur/zum PsychotherapeutIn bzw. PsychologIn  nicht noch zusätzlich erschwert wird. In der Tat beweisen Menschen, die sich unter diesen sehr schwierigen Umständen trotzdem dazu entscheiden Hilfe in Anspruch zu nehmen, sehr viel Mut.

Wir fordern daher:

  • ein gesellschaftliches Umdenken muss befördert werden
  • mehr Aufklärung über Krankheitsbilder und mögliche Therapieansätze in Form von Aufklärungs- und Informationskampagnen

Ein weiteres Problem für Betroffene psychischer Erkrankungen sind die sehr langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen entsprechenden Platz etwa von Personen, die traumatische Erlebnisse hinter sich haben und in Folge dessen eine traumatherapeutische Betreuung bedürfen, liegt zwischen drei und elf Monaten. Auch Wartezeiten in anderen psychotherapeutischen Bereichen sind deutlich zu lang. Betroffenen kann nicht zugemutet werden, so lange Zeiträume ohne adäquate Behandlung ausharren zu müssen. Auch Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind, haben oft große Probleme entsprechende Hilfe zeitnah in Anspruch nehmen zu können. Besuche bei AllgemeinmedizinerInnen und GynäkologInnen verlaufen oft frustrierend und sind mit großer Belastung verbunden, da Betroffene häufig schon hier ausgiebig schildern müssen, was ihnen wiederfahren ist und wie sie sich fühlen, um an etwaige Therapieplätze weitervermittelt zu werden. Diese sind häufig ebenfalls mit Wartezeiten verbunden.  Hinzu kommt, dass die bewilligte Stundenanzahl eines Therapieansatzes oft für die PatientInnen nicht ausreichend ist, eine einfache Verlängerung der Stundenzahl ist zwingend notwendig.

Wir fordern daher:

  • die drastische Verkürzung von Wartezeiten bei ambulanter und stationärer psychologischer und psychotherapeutischer Behandlung
  • dies kann durch den Ausbau  von kassenärztlichen Approbationen für PsychotherapeutInnen gewährleistet werden  

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland, um hier Zuflucht zu suchen. Viele von ihnen haben schlimme Dinge erlebt und erleiden in Folge dessen schwere psychische Krankheiten. Aber auch andere ZuwanderInnen haben ebenso psychische Erkrankungen.  

Wir fordern daher:

  • die psychotherapeutische Behandlung in Deutschland auch in anderen Sprachen zu erleichtern und zu befördern

Viele Gruppen, die die Interessen von Menschen vertreten, die in Folge von sexualisierter Gewalt an psychischen Krankheiten leiden, beklagen nicht nur die zu langen Wartezeiten, die Stigmatisierung und nicht ausreichend zugelassene Therapiemöglichkeiten – um nur einige Probleme aufzuführen – sondern auch das vielen Opfern ihr Recht auf eine Entschädigung nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) nicht zugestanden wird. In der Regel ist eine Inanspruchnahme von Leistungen nach dem OEG mit einem hohen persönlichen Stress, mehreren Gutachten, ZeugInnenaussagen, Berufungen und vor allem mehreren Jahren Zeitaufwand verbunden.

Wir fordern daher:

  • eine Reformierung im Umgang mit dem OEG, um den Betroffenen Leistungen, die ihnen zustehen, ohne weitere Schädigung zuzugestehen

Auch in der Ausbildung von TherapeutInnen muss sich Einiges tun. Nach dem Psychologiestudium müssen die AbsolventInnen noch in drei Jahren Vollzeit bzw. fünf Jahren Teilzeit eine therapeutische Ausbildung mit Praxisteil durchlaufen. Diese haben die PsychotherapeutInnen in Ausbildung (PIAS) selbst zu tragen. Wir Jusos lehnen ab, dass Menschen für ihre eigene Ausbildung aufkommen müssen.

Wir fordern daher:

  • eine für die PIAS kostenneutrale Ausbildung
  • für ihre Arbeit sind sie angemessen zu  entlohnen und nicht wie in der Vergangenheit oft als völlig unterfinanzierte PraktikantInnen als billige Arbeitskräfte auszunutzen

Die Jusos Bezirk Hannover fordern einen für alle Betroffenen schnellen und niedrigschwelligen Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung - sowohl ambulant als auch stationär. Psychische Krankheiten sollten in ihrer Behandlung den physischen Leiden nicht nachstehen. Wir wollen in einer Gesellschaft leben, die Menschen unterstützt und nicht stigmatisiert. Menschen mit psychischen Erkrankungen sollten in ihrem Weg bestärkt werden und nicht Angst vor Ausgrenzung fürchten müssen. Wir brauchen ein gesellschaftliches Umdenken und den Ausbau und die Unterstützung des gesamten Sektors rund um psychische Erkrankungen.