Für einen emanzipatorischen Umgang mit gesellschaftlich kon-struierten Rollenbildern und Stereotypen

Beschlussnummer  2015.FEM2
Antragsteller*innen  Jusos UB Göttingen
Weiterleitung an  Bundeskongress

Über gesellschaftliche Konstruktionen und deren Bedeutung

In unserer Gesellschaft dominiert noch heute in weiten Teilen die Überzeugung, alle Menschen ließen sich in genau zwei Geschlechter (männlich, weiblich) einteilen. Diese seien biologisch festgelegt, unveränderlich und könnten spätestens bei der Geburt zweifelsfrei anhand der Genitalien festgestellt werden. Diese Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit und der Kategorie „Geschlecht“ ist im gesellschaftlichen Denken äußerst präsent. Dieses System besteht dabei aus Sex (biologisches Geschlecht) und Gender (soziales Geschlecht). Gender hat sich jedoch historisch entwickelt und ist keineswegs biologisch begründet. 

Vielmehr ist dieses von Menschen gemacht und konstruiert. Dies bedeutet, dass man es somit auch insofern verändern kann, dass die von der Gesellschaft reproduzierte Zweigeschlechtlichkeit dekonstruiert wird. Demnach gibt es für eine Einteilung in zwei Geschlechter keinen haltbaren Grund. Dennoch werden alle Menschen in dieses System gepresst, auch wenn sie sich dem nicht fügen wollen oder schlichtweg nicht zu einer der beiden Alternativen passen. So müssen Inter* gesellschaftlich noch immer an ein Geschlecht „angeglichen“ werden.

Dabei verdeutlichen Inter*, Trans* und auch die völlig unterschiedlichen Gender, die innerhalb der beiden Alternativen vorkommen, dass Zweigeschlechtlichkeit und ein von Natur aus festgelegtes, unveränderbares Geschlecht nicht existieren. 

Äußerst problematisch ist, dass mit der Zuweisung zu dem einen oder anderen Geschlecht bereits mit der Geburt ein sozialer Prozess einsetzt. Die Einteilung in „weiblich“ oder „männlich“ bestimmt ab der ersten Sekunde unseren weiteren Lebensweg. Denn mit unserer Geburt beginnt die Erziehung zu einer vermeintlich zu erfüllenden Geschlechterrolle. Durch diese Sozialisationsprozesse werden die Merkmale von „weiblich“ und „männlich“ anerzogen, die später für die angeblich durch die Natur vorgegebene Unterscheidung herangezogen werden.

In der dabei entstehenden sozialen Ordnung werden die Geschlechter, die vom männlich patriarchalen sozialisierten Geschlecht abweichen, konsequent benachteiligt und von wichtigen Teilen der Gesellschaft ausgeschlossen. Geschlecht ist also nicht der Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis sozialer Prozesse. 

Die besondere Rolle der Frau bei der Überwindung patriarchaler Strukturen

Wir Jusos sind ein feministischer Richtungsverband. In dem vollen Bewusstsein, dass die Dekonstruktion der Geschlechter ein langwieriger Prozess ist, sehen wir die Überwindung des Patriarchats als ersten Schritt in Richtung dieses Zieles. Das bedeutet, dass wir uns verstärkt für die gesellschaftliche Gleichstellung zwischen Frauen und Männern einsetzen. Es bedeutet aber auch, dass alle Menschen nach unserer Vorstellung frei und selbstbestimmt leben sollen und wir die Reproduktion der Rollenbildern und Stereotypen aktiv bekämpfen wollen. 

Mit Erschrecken beobachten wir in den letzten Jahren einen gesellschaftlichen Rollback.

Oftmals wird Frauen- und Gleichstellungspolitik auf Familienpolitik reduziert und somit werden automatisch wichtige Kernthemen in diesem Bereich negiert, die eigentlich unabdingbar wären. Insbesondere geht es dabei nicht mehr um die Überwindung des Patriarchats sowie die Diskriminierung von Frauen in allen Lebensbereichen. Aus diesem Grund fällt den Jusos eine Schlüsselrolle zu und wir müssen uns mehr denn je darum bemühen, diese Themen zurück auf die politische Agenda zu führen. Um jedoch das Potenzial dafür zu entfalten, müssen wir Gleichstellung als zentrales Querschnittsthema in sämtlichen Politikfeldern behandeln. Die Erfahrungen der letzten Jahre hat gezeigt, dass es immer mehr Jusos gibt, die den Feminismus als ein lästiges Ritual verstehen und abgeneigt sind, sich ein weiteres Mal mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Deshalb ist es notwendig, dass wir das Thema Feminismus in alle Bereiche unserer Juso-Arbeit integrieren, aufgrund seiner Eigenschaft als Querschnittsthema und Bedeutung für den Verband. 

Um eins vorweg zu schicken: Wir Jusos stellen uns klar gegen jede Form von Diskriminierungen - und zwar unabhängig davon, ob mensch aufgrund von Religion, Hautfarbe, Herkunft, Nationalität oder der sexuellen Orientierung diskriminiert wird. Wir machen aber nicht den Fehler, dass wir sämtliche Diskriminierungen in einen Topf schmeißen. Neben den bekannten Herrschafts- und Machtverhältnissen, die aus dem kapitalistischen System hervorgehen, gilt es für uns als FeministInnen stets darum, auf andere Strukturen hinzuweisen, die neben üblichen Machtstrukturen bestehen: den patriarchalischen Strukturen, die Frauen diskriminieren, da  ihr zugeordnetes Geschlecht vom als Norm betrachteten, konstruierten  männlichen Geschlecht abweicht. Dieses Politikfeld darf nicht als untergeordnetes Problem verharmlost werden.

Die SPD war und ist immer noch Teil der emanzipatorischen Frauenbewegung. In der Vergangenheit hat die Partei wichtige Impulse gesetzt und für mehr Gleichstellung in der Gesellschaft gesorgt. Aber viel ist uns eben nicht genug! Deswegen ist es uns ein gewichtiges Anliegen, Frauen in unserem Verband zu ermuntern sich mehr einzusetzen und gemeinsam mit uns zu streiten. Dabei müssen wir grade Frauen gezielt fördern, sie vernetzen und in ihrem politischen Handeln solidarisch stärken! Insbesondere müssen wir versuchen mehr junge Frauen für die SPD zu begeistern.

Sprache als Instrument

Sprache ist kein neutrales Kommunikationsmittel, sondern ein diskursives Instrument gesellschaftlichen Handelns. Zugleich fungiert sie als Spiegel gesellschaftlicher Realität, stellt aber auch den Ort dar, an dem sich sozialer Protest und konservativer Widerstand artikulieren. Die Diskriminierung findet nicht nur in dem statt, was getan wird, sondern auch durch die Art und Weise, wie gesprochen und geschrieben wird. Wir Jusos setzen uns daher für eine geschlechtergerechte Sprache ein, in der andere als männlich sozialisierte Menschen nicht nur mitgemeint und mitgedacht werden, sondern sichtbar und hörbar gemacht werden. Dies gilt nicht nur für die öffentliche bzw. amtliche Schriftsprache, sondern auch für die gesprochene.

Für die Beziehung zwischen Sprache und Geschlecht heißt dies, dass sich in einer Sprache gender-bezogene Asymmetrien manifestieren, die ihrerseits auf die Wahrnehmung und Konstruktion von Realität einwirken. Und genau aus diesem Grund verdeutlicht sich die immense Bedeutung unserer Sprache. Wenn wir Frauen und Männer in unserer Sprache gleichstellen, dann wird dadurch ein gedanklicher Prozess angestoßen, der sich auf unser gesellschaftliches Handeln auswirkt. Somit wird die wichtige Voraussetzung geschaffen, dass wir Gleichstellung in unserem Verband praktisch mit Leben füllen können. Denn die Macht und die Konstruktion patriarchaler Strukturen werden durch nicht-gegenderte Sprache verklärt.

Doch sehen wir uns heute noch vor enorme Herausforderungen gestellt, denen gerade wir als JungsozialistInnen begegnen müssen. Wir werden auch in Zukunft klar gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit jeglicher Art kämpfen und uns entschieden gegen die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Ausrichtung positionieren. Gemeinsam wollen wir als Jusos über unsere Form des Genders diskutieren. Hierzu wird der Bezirksvorstand ein Diskussionsforum im Rahmen der Denkfabrik Feminismus anbieten und die verschiedenen Formen des Genderns sowie ihre Bedeutung vorstellen.

Unser Ziel: Diskurs zur Dekonstruktion

Wir Jusos sind der Überzeugung, dass jeder Mensch das fundamentale Recht hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, und sprechen uns deshalb dafür aus, dass mensch nicht durch äußere Sozialisationsprozesse in gesellschaftliche Rollenbilder gedrängt wird. Wir fordern, dass sich alle Menschen frei entfalten können, und zwar auch unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Geschlechterrolle und ihrer sexuellen Orientierung. Ziel unserer Politik muss deshalb die Überwindung der von der heteronormativen und patriarchalischen Gesellschaft vorgegebenen Geschlechterbilder und letztendlich die Dekonstruktion der Kategorie Geschlecht sein. 

Im Kampf für die Überwindung der männlichen und zweigeschlechtlichen Gesellschaft, mit Ziel des Beginns einer menschlichen, ist uns Jusos bewusst, dass wir noch einen schweren Weg zu gehen haben. Dabei müssen wir auch selbstkritisch mit uns selbst und unserem Verband umgehen. Denn auch für (einige von) uns spielt die Kategorie Geschlecht immer noch eine große kognitive und lebenspraktische Rolle. Schließlich tragen auch wir durch unser Handeln dazu bei, dass die Unterscheidung von Menschen anhand zweier Geschlechter nach wie vor wirkungsmächtig bleibt. Deswegen müssen wir uns darum bemühen, unser eigenes Denken und Handeln zu reflektieren und zu durchbrechen. Das gilt sowohl für uns in unserem eigenen Verband als auch in der Gesellschaft. 

Um das zu erreichen müssen wir in unserem Verband in einen breit aufgestellten Diskurs treten und diesen dann in die Gesellschaft tragen. Unser Ziel muss es sein, die Gesellschaft für diese zentrale Ungerechtigkeit zu sensibilisieren, denn nur dann kann das System hinterfragt und überwunden werden.