We Want Sex Equality! - Grundlagen einer feministischen Ge-sellschaft

Beschlussnummer  2015.FEM1
Antragsteller*innen  Bezirksvorstand
Weiterleitung an  SPD-Bezirksparteitag, Bundeskongress

Frauen nehmen heute exponierte Positionen in verschiedenen Bereichen ein, allen voran unsere Bundeskanzlerin. Aber auch in der Wirtschaft haben es Frauen in Spitzenpositionen geschafft. Dennoch schlägt dies nicht auf die übrige Gesellschaft durch, sie bleiben eine Rarität. Die Frauen, die es bis in die vorderste Reihe geschafft haben, werden vor allem mit männlichen Attributen belegt. Sie mussten sich in Männerdomänen durchsetzen und dementsprechend die dort vorherrschenden Verhaltensweisen aneignen. Jungen Frauen fehlen aber tatsächliche Vorbilder und damit auch Fördererinnen.

#chauvis-in-die-tonne

Gleichberechtigung ist noch nicht in der Gesellschaft angekommen. Bester Beleg dafür ist die letztjährige AFD-Kampagne „Ich bin keine Feministin...“. Die gezielte Förderung von Frauen hat ein deutlich negatives Ansehen in einigen Teilen der Bevölkerung. Insbesondere ist die Vorstellung verbreitet, die Gleichberechtigung sei bereits erreicht und Feministinnen würden nur immer mehr fordern. Schließlich hätten Frauen heute doch die gleichen Rechte wie Männer, diese müssten sie nur entsprechend nutzen. Fest verankerte Rollenbilder und Ungleichheiten werden dagegen kaum wahrgenommen oder unter den Teppich gekehrt. Das gesellschaftliche System benachteiligt aber nach wie vor Menschen, welche introvertierter und selbstkritischer sind. Dies betrifft in besonderem Maße Frauen. Deshalb wollen und müssen wir Jusos als feministischer Richtungsverband allen Relativierungen und Verklärungen gesellschaftlicher Missstände entschieden entgegentreten. Unsere feministischen Ideale sind noch lange nicht erreicht und deshalb gilt es dafür entschlossen zu kämpfen – Trotz allem!

Gleichberechtigung hört bei Wahlen nicht auf - Reißverschluss bis zum Schluss!

Selbst in unserer Partei sind wir noch weit von echter Gleichberechtigung entfernt. Schaut man auf die Wahllisten fällt auf, dass die Listen selber zwar quotiert werden, aber bei den Nachrückerplätzen diese Regelung umgangen wird. In unserem Verband ärgern sich Männer, wenn ausdrücklich zu einem Frauenseminar eingeladen wird. Unter Männern sind vielfältige, lange gefestigte Netzwerke vorhanden, sei es im Beruf oder eben im politischen Bereich. Frauen dagegen fehlt bis heute regelmäßig eine solche Unterstützung, was ihnen zum deutlichen Nachteil gereicht. In unseren Unterbezirken immerhin schaffen es Frauen auf viele wichtige Positionen, aber hier zeigt sich wiederum eine negative Wahrnehmung der Quote bei den Männern auf Grund der gezielten Besetzung mit Frauen.

Erste Triumphe und weitere Ziele – Frauen an die Macht!

Unsere Generation ist in einer Zeit aufgewachsen, in der viele Errungenschaften der Frauenbewegungen als selbstverständlich empfunden werden, welche aber noch keine sehr alten Siege sind, für die Frauen jahrelang kämpfen mussten und die lange Zeit als unerreichbar galten. Deshalb müssen wir uns heute umso mehr dafür einsetzen, dass Gleichberechtigung auch weiterhin ein gesamtgesellschaftliches Ziel bleibt und wir uns nicht auf dem bisher erreichten ausruhen!

Erwerbsarbeit ist zentral – auch für die Gleichberechtigung

Ein zentraler Faktor der Machtverteilung ist in unserer Gesellschaft die Verteilung der Erwerbsarbeit. Wenn wir Gleichstellung wollen, müssen wir daher zunächst in der Arbeitswelt für gerechtere Bedingungen sorgen. Für die Arbeitszeitmodelle des 21. Jahrhunderts gibt es aus feministischer Sicht einen zentralen Fokus: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zum einen ist dieser Aspekt nach wie vor einer, der leider bis heute vor allem für Frauen beim Fortkommen in der Karriere ein unüberwindbares Hindernis darstellt. Zum anderen ist eine gleichberechtigte Arbeitsteilung im privaten Bereich zwischen Paaren sowie im beruflichen Leben zwischen Männern und Frauen erst dann in greifbare Nähe, wenn es gelingt, dass die Übernahme von Aufgaben im privaten Bereich für alle Menschen gleichermaßen möglich und auch selbstverständlich wird. Erst wenn aus Sicht von Unternehmen mit jungen Männern das gleiche „Familien-Gründungsrisiko“ verbunden wird, wie mit jungen Frauen, kann es zu einer gleichberechtigten gesamtgesellschaftlichen Arbeitsteilung der Erwerbsarbeit kommen.

Dazu müssen wir die zu hohe Wochenarbeitszeit überdenken und über eine 32-Stunden-Woche diskutieren. Im europäischen Vergleich hat Deutschland hohe Wochenarbeitsstunden und die meisten Überstunden. Viele junge Frauen wollen in ihrer Karriere vorankommen, aber nicht auf Kinder verzichten; beides funktioniert oftmals nicht und so stehen die meisten Frauen wieder vor der Entscheidung, ihnen bleibt dann nur noch die Möglichkeit der Teilzeitbeschäftigung um nicht ganz auf berufliche Selbstverwirklichung zu verzichten. Neben der Arbeitszeitverkürzung sind die wachsenden Möglichkeiten der Flexibilisierung von Arbeitszeiten ein wichtiges Segment. Flexibilisierung und Verkürzung der Wochenarbeitszeit dürfen dabei insbesondere vor den Chefetagen nicht Halt machen - auch die Führungspositionen müssen gleichberechtigt zugänglich sein. Auf der anderen Seite muss über eine gesamte Umverteilung der Erwerbsarbeit nachgedacht werden.

Frauen als „Anhängsel“ sind so 60er – Sicherungssysteme fit machen für das 21. Jahrhundert

Das bestehende Grundproblem der patriarchalischen Gesellschaft ist eine ungerechte Verteilung. Diese wird nicht zuletzt die Ausrichtung der Familienpolitik auf das Einverdienermodell befördert. Leistungen wie Betreuungsgeld, Ehegattensplitting und beitragsfreie Mitversicherung tragen dazu bei, die ungleiche Machtverteilung zu zementieren. Statt weiterer Belohnungsleistungen zu etablieren muss hier umgedacht werden und durch Sachleistungen Familien gezielt dort unterstützt werden wo es wirklich nötig ist. Unsere Familienpolitik hat sich an der pluralistischen Gesellschaft zu orientieren und daher jede Form der Familie gleichermaßen zu fördern.

„Ich will Feuerwehrfrau werden!“ – Geschlechterdomänen aufbrechen und überwinden

Als typische Frauenberufe verstandene Beschäftigungsfelder haben ein geringes Ansehen und werden in der Regel auch eher schlecht bezahlt. Hier müssen wir ansetzen, mit angemessenen Einkommen in sozialen Berufen. Eine gerechte, den Lebensunterhalt sichernde Entlohnung auch in den bisher eher weiblich besetzten Tätigkeitsbereichen muss unser Ziel sein. 

Daher fordern wir:

  • die 32-Stunden-Woche als neue Wochenmaximalarbeitszeit - wobei die Arbeitsauslastung nicht einfach durch Überstunden ausgeglichen werden darf.
  • daran anschließend die Überwindung des 8-Stunden-Tages.
  • dass diese Umverteilung von flexibleren Arbeitszeitmodellen, Job-Sharing-Modellen und damit mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse begleitet wird.
  • die Familienpolitik umfassend auf Grundlage eines gleichberechtigten Familienbildes umzugestalten ist.
  • eine Umverteilung, die die dominierenden patriarchalen Strukturen des Arbeitsmarktes aufbricht und so ihre Überwindung einleitet.
  • die sogenannten Heimarbeitsplätze (auch Telearbeit genannt) nur mit ausdrücklicher Zustimmung der ArbeitnehmerInnen einzurichten. Hierbei muss gewährleistet sein, dass geltende Standards des Arbeitsschutzes und der Arbeitszeit nicht verletzt werden.
  • dass die Flexibilisierung und die Umverteilung von Arbeitszeit an mehr Beschäftigte mit verbesserter Kommunikation innerhalb des Unternehmens einhergeht.